Fakten zur Milchwirtschaft


So wie in Deutschland wird weltweit in fast allen Ländern die allermeiste Milch noch in bäuerlichen Betrieben erzeugt. So wie hierzulande gibt es aber auch dort agrarindustrielle Entwicklungen mit dem Bau von Mega-Milchviehfarmen, die sich oft in der Hand von Molkereien oder anderen Konzernen befinden. Nachfolgend Medieninformationen über die gigantischsten Auswüchse dieser Investitionen in Milch-Agrarfabriken.

Eine-Million-Kühe-Konzern?
Das weltweit größte Agrarunternehmen mit 32 Betriebsstätten und jeweils 22.000 Milchkühen will der Mitbegründer und ehemalige Direktor der niederländischen Hotel-Buchungs-Website Booking.com in Brasilien aufbauen. Wie der holländische Internetdienst Boerderij unter Berufung auf die Website Emerce berichtet, hatte der 48jährige Koolen seine Firma  Booking.com im Jahre 2005 an die Firma Priceline verkauft und war danach vor allem als Investor und Berater tätig gewesen, mit besonderem Interesse für die Internetbranche.  Nun strebe der Bauernsohn aus dem niederländischen Brabant mit seinem Vermögen von über 100 Million Euro binnen zehn Jahren ein Wachstum auf eine Million Kühe an. Koolen wolle sich mit seinen brasilianischen Megaställen „an der Aufgabe der Welternährung“ beteiligen, worunter man wohl realistischerweise seine Exportambitionen verstehen sollte. Es gebe laut Koolen bereits jetzt einen Mangel an Milchpulver. Immer mehr Menschen zögen in die Städte, die immer abhängiger von einer abnehmenden Zahl von Landwirten würden, die ihrerseits in Richtung Technologie, Innovation und Betriebsvergrößerung gehen müssten. Für seine, Koolens, Pläne gebe es bereits die nötige Technologie, die aus den USA stamme. Für sein Milchviehprojekt gebe es Interesse in Brasilien und auch in China.

Danone, Fonterra u.a. – Algerien, Saudi-Arabien, Indien…
Bereits im Jahre 2008 berichteten Medien, dass der Milchkonzern Danone den Aufbau von Megaställen mit Hilfe von Finanzinvestoren prüfe, wobei eine algerische Farm mit 32.000 Kühen als Musterprojekt galt, ggf. auch für Südafrika. Als Vorbild diente die weltgrößte Milchviehfarm in Al Safi/Saudi-Arabien mit ebenfalls 32.000 Kühen (laut ARD derzeit schon 50.000 Kühe). Noch größer als Al-Safi von Danone ist die Al-Marai-Company mit 65.000 Kühen auf 7 Farmen zwischen Riad und Al-Khar. „Immerhin“ 19.000 Kühe gehören der A-Nada-Dairy, erwähnenswert auch die Al-Rawabi Dairy in Dubai mit mehr als 10.000 Kühen sowie weitere Megafarmen in Abu Dhabi, Oman und Kuwait.
Der israelische Hersteller AFIMILK berichtete über den Bau von 12 Farmen mit insgesamt 23.000 Kühen in Vietnam. Top agrar berichtete bereits 2010 über einen vom neuseeländischen Molkereikonzern Fonterra - gemeinsam mit der Agrar- und Düngemittelkooperative IFFCO – in Indien geplanten „Modellbetrieb“ mit 3.000 bis 5.000 Kühen. Fonterra habe ebenfalls eine 850-Hektar-Farm im Westen des brasilianischen Bundesstaates Goias erworben, um dort einen Milchkuhbestand mit insgesamt 3.300 Tieren aufzubauen.

USA
Als größte Milchviehfarm der USA gilt das Unternehmen Fair Oak Farms in Indiana mit 32.000 Kühen, gefolgt von Threemile Canyon Farms in Boardman/Oregon mit 24.000 Kühen. Die Gruppe Bettencourt Dairies betreibt nach eigenen Angaben 6 Farmen mit insgesamt 35.000 Milchkühen, auf der Internetseite von GEA Farm Technologies findet man sogar Hinweise auf 13 Standorte mit etwa 60.000 Kühen. Trotz der großen Milchkrise (dairy-disaster) vor einigen Jahren dürften als weitere große US-Milchviehhalter mit mehr als 10.000 Kühen im Markt sein : Joseph (Gallo) Farms, Larson Dairy,  Aurora Organic Dairy,  Braum´s Dairy Farm, Las Uvas Dairy (Horton), Shamrock Farms (Dugan-familiy), Arizona Dairy und  Case van der Eyk.  Von 2000 bis 2006 stieg in den USA die Zahl der Farmen mit mehr als 2.000 Kühen von 280 auf 533 an, diese erzeugen knapp ein Viertel der US-Milchmenge.

Kanada
Nachdem die Tierschutzorganisation Mercy for animals  im Juni 2014 schockierende Bilder von mit Ketten geschlagenen Kühen aus Kanadas größtem Milchviehbetrieb Chilliwack Cattle Sales (3.000 Kühe) veröffentlichte,  kündigte Eigner Jeff Kooyman Kameras in den Ställen und ein besseres Training der Arbeitnehmer an.

Russland
Als größten Milchproduzenten Russlands bezeichnet sich die deutsche Holdinggesellschaft Ekosem-Agrar GmbH des deutschen Investors Stefan Dürr mit 19.000 Milchkühen (an mehreren Standorten) und 120 Mio. Litern Jahresproduktion - bis zum Jahre 2015 soll der Bestand auf 30.000 Kühe aufgestockt werden.
Das Rohstoffhandelsunternehmen Olam aus Singapur will gemeinsam mit dem russischen Agrar-Großproduzenten Rusmolco  dessen Bestand von bislang 3.600 auf 20.000 Kühe in 4 Farmen erhöhen.
Laut Königsberger Express ging 2011 Nesterow (russische Provinz Kaliningrad) ein Milchviehbetrieb mit 9000 Kühen in Produktion, unter Mithilfe von Spezialisten aus Ungarn, Litauen und Deutschland und einer Finanzierung durch die landwirtschaftlich-industrielle Holding Dolgow & Co als Inhaber sowie über Darlehen der russischen Sberbank.
Aus der Provinz Tula wird vom Aufbau einer Anlage für 10.500 Milchkühe berichtet (Lüpke, Ernst&Young BV Moskau).
Die meisten großen Agrarholdings konzentrieren sich vor allem auf Ackerbau und Fleischerzeugung, die in der Milcherzeugung engagierten haben derzeit noch maximale Größenordnungen von einigen tausend Kühen. Die BauernZeitung berichtete 2010 über Pläne der Agrarholdiing TrioPlus bei Woronesch, den Bestand von 2.300 um weitere 6.000 Kühe aufzustocken. 

Ukraine
In der Ukraine haben Großunternehmen (meist Holdings) Betriebsgrößen von  500 bis zu 7.000 Kühen.

Aserbeidschan
Der Infodienst ABC aus Aserbeidschan erwähnt das Engagement des Milchkonzerns Danone in dem asiatischen Land bei einer 3.000er-Rinderanlage des „Agat-agro stock breeding complexes“.

China
Der schweizerische landwirtschaftliche Informationsdienst lid teilt derweil unter Berufung auf ABC Rural mit, dass der neuseeländische Molkerei-Multi Fonterra in China bereits eine Mega-Farm mit 15.000 Milchkühen eröffnet habe, die aus fünf Teilbetrieben mit jeweils 3.000 bis 3.500 Kühe bestehe und  jährlich 150 Millionen Liter Milch produzieren wolle. Eine weitere Megafarm ist für 2015 geplant, außerdem ein systematischer Ausbau weiterer Großfarmen - bis 2020 will Fonterra laut Fachblatt „Schweizer Bauer“ in China Milliarde Liter Milch produzieren.
Auch andere ausländische Milchkonzerne bauen in China ihre Farmen aus. „China lockt Molkereien - Nestlé, Fonterra und Arla bauen Milchfarmen und Werke auf“ so die Lebensmittelzeitung.  InterMopro berichtete 2011 über Pläne der deutschen Müller-Molkereigruppe zur Investition von 10 Mio. Dollar (im Rahmen eines Konsortiums) in die Hua Xia Dairy Farm mit damals 7.000 Kühen.
Die Milch-Fachzeitung Elite berichtet jüngst, dass die Volksrepublik China innerhalb der nächsten Jahre 100 000 Kühe aus Australien, Kanada und den USA importieren und im Norden des Landes (Innere Mongolei) aufstallen wolle. Nach einem Bericht von top agrar gab es bereits im Jahre 2010 die Hushian Cow Farm, die sich aus über 20 Milchviehbetrieben mit rund 250.000 Kühen zusammensetze – um diesen Bestand aufrechterhalten zu können, würden jeden Monat schätzungsweise 3.000 Kühe aus Australien importiert. Laut Internetseite von China Modern Dairy hatte die Großmolkerei  im Juni 2013 bereits 22 Farmen mit 178.000 Kühen.

Neuseeland
Der größte Milchviehbetrieb Neuseelands in Familienbesitz, die Crafar Farm mit 20.000 Kühen an 22 Standorten, musste 2009 Konkurs anmelden. Der chinesischen Investorengruppe Pengxin wurde von der neuseeländischen Regierung der Kauf von 16 Milchfarmen im Lande gestattet.
Die neuseeländische Firma Dairy Holdings berichtet über ihre Tochterunternehmen, in deren Rahmen 2013/14 56 Milchvieh-Einheiten mit 43.144 Kühen betrieben werden. Das Unternehmen „FarmRight“ berichtet auf seiner Internetseite über die von ihm gemanagten 42 Farmen mit 32.747 Kühen. Auch die Firmen AGinvest und MyFarm bieten sich Investoren an, letztere berichtet über ihre 47 Milchfarmen mit 37.000 Kühen. Die deutsche Fondsgesellschaft Aquila AgrarInvest III Investitions GmbH kündigt die Beteiligung an neuseeländischen und australischen Milchfarmen bzw. deren Übernahme an.
Die Vermögensverwaltung J.Jahr GmbH darf laut dlz bereits einen 6,4 Millionen Euro teuren neuseeländischen Milchviehbetrieb mit 327 ha ihr Eigen nennen. Die deutsch-schweizerische Kiwimilk AG erhielt für 3,8 Millionen Euro den Zuschlag bei der Belwood Farm in der Nähe von Canterbury. Den Verkauf des größten Milchviehbetriebes des Landes mit 16 Betriebsstätten an die chinesische Holding Natural Dairy NZ hatte die neuseeländische Regierung zunächst untersagt. Laut dlz hatte das Amt für Auslandsinvestitionen (OIO) in Wellington im Dezember 2010 den Verkauf von insgesamt zwölf Milchviehbetrieben für umgerechnet rund 62 Millionen Euro an deutsche und Schweizer Vermögensverwaltungen genehmigt. Größter Investor war demnach die DAH Beteiligungs GmbH von Daniel Hopp, dem Sohn des SAP-Mitgründers Dietmar Hopp. Die Familie habe 5 fünf Farmen auf der neuseeländischen Südinsel mit 1.468 ha für umgerechnet 30,6 Millionen Euro erworben, ein Konsortium aus den drei Beteiligungsgesellschaften Aquila AgrarInvest Investitions GmbH, D/S Neuseeland Milchfarm Investitions GmbH und Alceda Star SA habe ebenfalls 5 Farmen mit 1.305 Hektar für den Preis 21,4 Millionen gekauft.

Australien
Das Handelsblatt zitierte bereits vor einigen Jahren die Einschätzung David Farleys vom führenden landwirtschaftlichen Großkonzern Australian Agricultural Company, wonach australische Farmen ganz oben auf der Einkaufsliste ausländischer Investoren stünden. Er warnte, dass für Australien "Nahrungsmittelsicherheit genauso wie Energiesicherheit früher oder später zur Frage der nationalen Sicherheit werden wird". Ein Bedrohung, die anderen Ländern noch viel akuter sein dürfte.

Deutschland, Niederlande, Polen, Slowakei
In Deutschland gab es zu DDR-Zeiten etwa 50 „industriemäßig arbeitende“ Agrarfabriken mit insgesamt 100.000 Kühen - die wurden aber nach der deutschen Einheit aus ökonomischen Gründen eingestellt bzw. massiv verkleinert. Heute gehören die folgenden Milchvieh-Unternehmen bzw. Milchviehanlagen (Pressemitteilung AbL Niedersachsen, 2011, geschätzte Angaben) zu den größten in Deutschland:
1. Bartholomäus Straathof, mit 3.000 Kühe in Kaarßen bei Hagenow;

2. Agrargesellschaft Uckermark AG, Dedelow bei Prenzlau, mit 2.500 Kühen;
3. Milchviehanlage Kröpelin (Mecklenburg-Vorpommern), vom Lohnunternehmer Stotz verkauft an die AgroEnergy AG, 2.200 Kühe;
4. Rhinmilch-Verbund, Fehrbellin, 1830 Kühe;
5. Erzeugergenossenschaft Neumark (Thüringen), 1.800 Kühe;
6. CAG Ceres Agrargesellschaft, Mallentin der Familie Koopman mit insgesamt 4.500 Kühen an 4 Standorten;
7. Stadtgüter Berlin Süd Vrieling KG, Jühnsdorf, mit 3100 Kühe an 3 Standorten;
8. Budissa-Gruppe, Niederkaina, mit 2.900 Kühe an 3 Standorten;
9. Vereinigte Agrarbetriebe Seydaland GmbH & Co.KG, 4 Betriebe mit insgesamt 2.360 Kühen an 4 Standorten.

Im Juni 2014 kündigte der Melktechnik-Hersteller Lely den Bau der weltgrößten Roboteranlage mit 44 Melkrobotern im sächsischen Thräna an – bei einem Neubau der „Osterland Agrar GmbH“ mit 3.000 Milchkühen (inklusive Nachzucht) der Van der Velde-Gruppe (die hält bisher – neben ihren Schweine-Anlagen - etwa 4.000 Milchkühe inkl. Nachzucht)
Der größte Milchviehbetrieb der Niederlande, die van-Bakel-Gruppe in Vredepeel, hält 2.000 Kühe. Holländischen Ursprung ist auch der Unternehmenskomplex des Unternehmers Wijnand Pon, zu dem neben dem Züchtungsmulti „Alta Genetics“ auch 5 Farmen mit 3.200 Kühen in den Niederlanden, Schottland, Polen sowie 2 in Mecklenburg-Vorpommern („Koepon Holding“ gehören. Andere holländische oder dänische Investoren sind vor allem in in Polen und in der Slowakei aktiv.

Widerstand  
Laut dem Schweizerischen Informationsdienst LID wurde in den USA schon 2011 eine offiziell genehmigte Milchfarm für 5.500 Kühe durch private Klagen gestoppt – der Widerstand von Umweltorganisationen gegen Großanlagen nehme weiter zu. In Großbritannien wurde 2012 der Bau der landesweit größten Milchviehfarm mit 8.100 Kühen von Initiativen verhindert. Jüngst stoppten bäuerliche Aktivisten der Conféderation paysanne einen geplanten 1.000er Milchviehstall in Frankreich. Auch in Deutschland verhinderten Initiativen von Bauern und Bürgern im Netzwerk „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ bereits Ställe mit mehreren tausend Kühen, darunter die Erweiterung auf eine 3.200er-Anlage in Barver (Kreis Diepholz). – u.a wegen der Auswirkungen auf die Pachtpreise, wegen der Verdrängung anderer Betriebe und weil z.B. Weidegang oberhalb bestimmter Betriebsgrößen nicht möglich ist.  

 

Bearbeitungsstand: 7.7.2014

Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft – AbL
Landesverband Niedersachsen/Bremen

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